Die Entdeckung der Gesellschaft
Niccolò Machiavelli
Florenz - Gesellschaftlicher Kontext: Instabilität in Oberitalien um 1500, Renaissance - Problem: Wie kann Macht des Fürsten dauerhaft erhalten werden? - Theoretisches Konzept: Maximen für ein rationales, alle Eventualitäten einkalkulierendes Handeln des Fürsten - Bruch mit moralischen und religiösen Tugendlehren - "Suche nach Regelmäßigkeit in einem Spiel ohne Regeln"
Thomas Hobbes
England - Gesellschaftlicher Kontext: Englischer Bürgerkrieg (König vs. Parlament), Konfessionskriege in Europa (30 jähriger Krieg) - Problem: Wie lässt sich politische Herrschaft legitimieren, wenn es keine verbindliche religiöse Legitimationsquelle gibt? - Theoretisches Konzept: Rationale (d.h.: areligiöse) Legitimation, Basis Selbsterhaltung, Naturzustand als Ausgangssituation, Vertrag als rationale Begründung
John Locke
England - Gesellschaftlicher Kontext: Glorious Revolution, Bill of Rights, Aufstieg des Bürgertums - Problem: Wie lässt sich die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen angesichts gesellschaftlicher Ungleichheit und traditionellen Vorbehalt legitimieren? - Theoretisches Konzept: Eigentum, Geld, bürgerliche Freiheiten gehen der Staatsgründung logisch voraus, der Staat soll die im Naturzustand konstituierten Rechte der Individuen schützen - Gesellschaft ist vom Staat unterschieden, als Gesellschaft der Eigentümer gedacht
Jean-Jacques Rousseau
Schweiz/Frankreich - Gesellschaftlicher Kontext: Französische Aufklärung, Kolonialisierung ("Die Wilden") - Problem: Zwänge, die mit der Differenzierung der Gesellschaft und der Verfeinerung der Sitten einhergehen, Kritik des Bestehenden - Theoretisches Konzept: Naturzustand als naturnaher, unwiederbringlich verborgener Zustand des gesellschaftlichen nicht integrierten Menschen, Zivilisation als Entfremdung, "edle Wilde" - Aber: Perfektibilität des Menschen, Gesellschaftsvertrag als Versuch dem Naturzustand nahe zu kommen
Adam Smith
Schottland - Gesellschaftlicher Kontext: Schottische Aufklärung, Monetarisierung der Sozialbeziehungen, Aufstieg des Bürgertums und des Welthandels - Problem: Gleichsetzung von Staat (pol. Syst.) und Wirtschaft (Markt, Arbeitsteilung), dagegen Annahme einer Hemmung wirtschaftlicher Eigenlogik durch Politik (Merkantilismus) - Theoretisches Konzept: "Politische Ökonomie" als Wissenschaft von den ökonomischen Eigengesetzlichkeiten in der Gesellschaft, harmonische Effekte der Marktkräfte, Arbeit als Wertquelle - Legitimität der Interessensverfolgung, aber auch ges. Integration durch "Sympathie", Internalisierung sozialer Regeln und Rollen durch Interaktion
Karl Marx
Deutschland, Exil in England - Gesellschaftlicher Kontext: Soziale Folgen der Industrialisierung (Massenelend, Verteilungsfrage), Sozialutopien und Arbeiterbewegung in Europa - Problem: Diskrepanz zwischen dem technischen und wissenschaftlichen Fortschritt und gesellschaftlich ungleich verteilten Lebenschancen und Eigentum - Theoretisches Konzept: Kapitalismus als Durchgangsstadium der gesellschaftlichen Entwicklung, akribische Analyse der Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft mit Akzentuierung ihrer Widersprüche, Prognose einer revolutionären Veränderung (Dialektik --> Hegel)
Auguste Comte
Frankreich - Gesellschaftlicher Kontext: Politische Instabilität in Frankreich seit 1789 (Revolution) - Problem: Wie kann gesellschaftlicher Ordnung hergestellt werden, ohne zum alten Regime zurückzukehren? Wie Gesellschaft neu denken? - Theoretisches Konzept: Ablösung bisheriger politischer und moralischer Theorien durch Einheitswissenschaft (Positivismus), Gesetzmäßigkeiten erschließen sich durch Verständnis der historischen Stadien, Moderne als wissenschaftliches Stadium - Soziologie als Synthesewissenschaft
Die Physiokraten
Frankreich - Gesellschaftlicher Kontext: Finanzpolitik des absolutistischen Staates, Steuererhebung und Wirtschaftspolitik, Monetarisierung der Sozialbeziehungen - Problem: Wie lässt sich das Verhältnis von Produktion und Konsum auf der Ebene einer Gesellschaft feststellen und regulieren? - Theoretisches Konzept: Gesellschaft als ökonomisches System (Tableua économique), naturale Basis der Produktivität, Gesellschaft enthält gesamte Bevölkerung - Verweis auf "natürliche" (oder auch einfach empirische) Grundlagen der Wirtschaftspolitik, Versuch einer Gesamtrechnung, Ziel: Rationalisierung des Ausgabeverhaltens
Émile Durkheim
Frankreich - Gesellschaftlicher Kontext: 3. französische Republik, umstrittene politische Ordnung und Individualismus - Problem: Das Individuum hängt immer mehr von der Gesellschaft ab, während es zugleich immer autonomer wird - Theoretisches Konzept: "Gesellschaft" als Einheit, die nicht aus Willen der Individuen ableitbar ist (vgl. Comte), Krise der Moderne ist Übergangserscheinung, "Organische Solidarität" entsteht von selbst, nicht durch den Staat - Soziologie als Wissenschaft der kollektiven Erscheinungen, auch Individualismus ist eine solche
Ferdinand Tönnies
Deutschland - Gesellschaftlicher Kontext: Aufstieg des dt. Kaiserreichs, Industrialisierung, Fokus Landleben - Problem: Moderne "Gesellschaft" setzt sich gegen traditionelle "Gemeinschaft" als Form des Zusammenlebens durch, die Auflösung gemeinschaftlicher Formen ist unwiederbringlich - Theoretisches Konzept: Analyse der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse --> Kontrastierung von "Gesellschaft" (Hobbes und Marx) und "Gemeinschaft" (ständische Semantik), "Gemeinschaft" als organisch-verbundenes, "Gesellschaft" als individualistisch-mechanisches Gebilde
Georg Simmel
Deutschland - Gesellschaftlicher Kontext: Aufstieg des Kaiserreichs, Industrialisierung, Fokus Großstadt - Problem: Widersprüchlichkeiten, Spannungsmomente und Individualisierung in der modernen Gesellschaft, vor allem anhand der Großstadt, Geld und Intellekt - Theoretisches Konzept: Gesellschaft = Formen der Vergesellschaftung und Wechselwirkungen, Phänomene in ihrer Ambivalenz analysieren, Essayismus - Soziologie als eklektische, synthetisierende Wissenschaft
Max Weber
Deutschland - Gesellschaftlicher Kontext: Aufstieg des dt. Kaiserreichs, Industrialisierung - Probleme: 1. Wieso ist Kapitalismus in Europa entstanden?, 2. Berücksichtigung von Interessen und Ideen, 3. Wie kann eine soziologische Analyse deutend verstehen, kausal erklären und sich Wertungen enthalten? - Theoretisches Konzept: 1. Kulturvergleich der Glaubensvorstellungen, 2. Suche nach "Wahlverwandtschaften" zwischen ökonomischen und religiösen Handlungsmustern, 3. Werturteilsproblematik als Dauerreflexion
George Herbert Mead
USA - Gesellschaftlicher Kontext: Industrielle Expansion in den USA, Chicago als "Schmelztiegel" heterogener Einwandererkulturen, neue US-amerikanische Theorien in den Sozialwissenschaften und der Philosophie - Problem: Wie Wahrheit/Wissen ohne Traditionsbezug begründet werden kann? - Theoretisches Konzept: Wahrheit als Bewährung von Wissen in Praxis (Pragmatismus), intersubjektive (sozialpsychologische) Konstitution des Geistes - Me, I and Self als Aspekte einer im soz. Handeln konstituierten Identität
Robert E. Park
USA - Gesellschaftlicher Kontext: Wie Mead, Fokus Chicago als Immigrationsmetropole - Problem: Wie kann ges. Organisation an Gegebenheiten einer ethnisch heterogenen, mobilen und großen Bevölkerung angepasst werden? - Theoretisches Konzept: (1) Empirisches Wissen über soziale Wirklichkeit durch ethnografischen Zugang (Reportage-Vergleich), (2) "marginal Man" = der Mensch auf der (kulturellen) Grenze, Fremdheit und Zugehörigkeit (zu mehreren Kulturen) als moderne Existenzform
Aufkläung
Theorien gesellschaftlichen Fortschritts
"klassische" soziologische Theorien